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Obwohl ein halbes Jahrhundert alt, lesen sich diese Essays wie Bemerkungen zur geistigen Situation der Gegenwart
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Man kann den 1878 in Wien geborenen Juden Egon Friedell getrost als einen der klügsten Köpfe und genialsten Schriftsteller der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts bezeichnen. Dabei hatte er es mit dem geforderten Bildungsniveau schwer. Sein Abitur bestand er erst im vierten Anlauf, seine Promotion im zweiten.
Dennoch griff er bei seiner schriftstellerischen Tätigkeit auf eine fast enzyklopädische Bildung zurück, die seine nun von Diogenes veröffentlichten ausgewählten Essays zu Geschichte, Politik, Philosophie, Religion, Theater und Literatur zu einem ganz außergewöhnlichen intellektuellen Erlebnis werden lassen.
Da Friedell nicht nur Schriftsteller war, sondern auch als Journalist, Schauspieler, Kabarettist und Kulturphilosoph tätig war, entfaltet sich in seinen Essays eine Bandbreite des Wissens, die mit Geistesblitzen, kühnen Gedankengängen und messerscharfer Logik nur so brilliert. Obwohl über ein halbes Jahrhundert alt, liest man seine zeitlosen Essays wie Bemerkungen zur geistigen Situation der Gegenwart. Er pflegt dabei nicht immer strenge Objektivität. Er kann satirisch sein. Doch der Informations- und Bildungswert seiner Texte ist hoch, und unterhaltend und anregend zu lesen sind sie erst recht.
Immer wieder blitzt durch z.T. beißende Kritik die Gedankenwelt eines tiefgläubigen Christen jüdischer Abstammung, dem das aber nach dem "Anschluss" 1938 nichts half. Als am 16. März 1938, einen Tag nach Hitlers Einzug in Wien, zwei SA-Männer an Friedells Wohnungstür klingeln, springt der sechzigjährige Friedell aus dem dritten Stock in den Tod. Man kann sich vorstellen, mit welcher Kritik er das überzogen hätte, was danach kam.
Seine Kulturgeschichte Ägyptens, des Alten Orients, Griechenlands und der Neuzeit bis zum Ersten Weltkrieg gehören auch heute noch zum besten Bildungsgut Europas und sind nicht nur deswegen immer noch lieferbar.
Egon Friedell ist ein Denker, der erst noch richtig (wieder)entdeckt werden muss. Diese in einer sehr ansprechenden Aufmachung verlegte Auswahl seiner Essays ist ein wichtiger Beitrag dazu.
Eine Rezension von Winfried Stanzick Ober-Ramstadt, Hessen Deutschland
vom 4. März 2008 |