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Für "starke Denker"
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In seinem 1200S.-Werk mit dem irreführenden Titel "Der Untergang des Abendlandes" stellt sich Oswald Spengler dem Leser als "Geschichtsforscher, Geschichtskenner und Geschichtsphilosoph" vor. Nach des Autors Verständnis besitzt der Geschichtsphilosoph die angeborene, nicht lernbare Fähigkeit, die Bedeutung (d.h. Ablauf und Ziel) der Geschichte zu erkennen. Außer sich selbst benennt O.S. niemanden mit dieser ungewöhnlichen Begabung. Mit Abendland meint er "die gesamte westliche Welt". Der Untergang (der gesamten ? westlichen Welt) könne - müsse aber nicht - "in einigen hundert Jahren" erfolgen.
Geschichte habe zwar eine Bedeutung, sei aber ansonsten sinnlos. Für ca. 2020 prognostiziert O.S. "starke Denker" , die seine Philosophie und die Bedeutung der Geschichte verstehen werden. Wie die vielen Auflagen des Buches, die Erwähnungen, Zitierungen und pos. Rezensionen vemuten lassen, könnte er sich mit seiner Prognose geirrt haben.
Der "normale Denker" wird indessen große Teile des Werkes (zugestanden : nicht alles) sterbenslangweilig und/oder unverständlich und /oder nichtssagend und/oder fehlerhaft finden. Manche Aussagen sind sogar total abwegig; z.B. daß O.S. den beiden goldsüchtigen Raubmördern Pizarro und Cortez "das Heldentum echter Rassemenschen" bescheinigt.
Oswald Spengler bemängelt an der deutschen Sprache, daß sie ihm nicht die Mittel bietet, seine Gedanken präzise darzustellen. Er konstruiert also; z.B. "negerhafter Cäsarenwahn". Was das genau zu bedeuten hat, geht aber auch aus dem Kontext nicht hervor, denn es gibt nirgendwo einen Kontext. O.S. hantiert mit seinen Ideen wie ein Mosaikkünstler, der sein Bild mit der Schaufel gestaltet.
In dem 90S.-Kapitel mit der Überschrift "Pythagoras, Mohammed, Cromwell" wird Cromwell folgendermaßen "behandelt" (und dann nicht wieder): "... Puritanismus ... erscheint im Heere Cromwells und seiner eisernen, bibelfesten ... Independenten, im Kreise der Pythagoräer, die ... das fröhliche Sybaris zerstörten". (Sybaris wurde - nebenbei gesagt - nicht von den Pythagoräern zerstört.) In einigen Nebensätzen werden Mohammed und Pythagoras erwähnt, und ihnen wird geistige Verwandschaft unterstellt. (Pythagoras würde sich im Grabe umdrehen.) Ein Vergleich Mohammeds mit dem Münsteraner Knipperdolling wäre treffender.
Allerdings findet man in diesem Kapitel , wie auch in jedem anderen, "geschichtsphilosophische" Erkenntnisse wie z.B. "Das Gewordene kommt nach dem Werden" oder "Raum verhält sich zu Zeit wie Auge zu Blut, wie Heiliges zu Heldenhaftem". Noch eine Leseprobe: "Das Ausgedehnte wird auch religiös als Augenwelt von dem Ich als Lichtmitte aus erfaßt. Gehör und Getast werden dem Geschehen eingeordnet und das Unsichtbare, dessen Wirkungen man sinnlich verspürt, wird zum Inbegriff des Dämonischen." Hat das etwas mit Puritanismus oder Cromwell zu tun? Der "normale Denker" erkennt es jedenfalls nicht auf den ersten Blick.
Der Titel ist insofern irreführend, als O.S. eigentlich "Große Kulturen" auf Gemeinsamkeiten hin untersucht. (Große Kulturen: 1. Abendland; 2. antik. Gr.; 3. Rom; 4. Indien; 5. China; 6. Ägypten; 7.Maya; 8.Israel, Babylon, Arabien.) Große Kulturen SIND für O.S. Lebewesen (nicht: sind wie): Sie werden geboren, reifen, altern und sterben. In entsprechenden Lebensaltern erscheinen laut O.S.analoge Ereignisse und Personen; z.B. die "Zeitgenossen" Aristoteles und Kant; sie seien große Philosophen, aber nicht große Mathematiker gewesen. Oder: Puritanismus bei Pythagoras und Cromwell. Ein Leser findet es besonders tiefsinnig, daß O.S. den Bildhauer Polyklet (geb.480 vor) und den Komponisten J.S.Bach (geb.1685 nach) zu "Zeitgenossen" erklärt. Na, meinetwegen. (Mit größerer Berechtigung kann man G.W. Bush zum "Zeitgenossen" von Dschingis Kahn befördern.) Wenn man nun wüßte, wann Oswald Spengler die "Große Griechische Kultur" untergehen ließ (1453 wäre ein sympathisches Datum), könnte man ausrechnen, wann wir "dran" sind.
LV
Eine Rezension von Lothar Völler "lothar" >
vom 25. November 2008 | | |
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